12. Mai 1945

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

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GEO INFO
DarbėnaiKrottingen Karte — map Karte — map

Weitermarsch. Für Marschkranke wird ein Lkw zur Verfügung gestellt. Erstaunlich! Ich steige mit auf, obgleich ich gar nicht fußkrank bin. Wir sind nur acht Mann. Nach endlosem Warten – die Kolonne war längst ab marschiert – starten wir mit einem russischen Fahrer und einem Unteroffizier. Nach einiger Zeit biegt er plötzlich von der Landstraße in einen Feldweg ein, fährt bis zu einem Waldrand und stoppt. Der russische Unteroffizier lässt uns absteigen, stellt uns in einer Reihe am Waldrand auf und reißt seine Maschinenpistole von der Schulter. Er fuchtelt damit herum und erklärt, er werde uns erschießen. Ich bin ungerührt und völlig ruhig.

Seit der Kapitulation war ich sowieso auf das Schlimmste gefasst. Wieviele deutsche Soldaten in diesem turbulenten Tagen nach der Kapitulation noch erschossen wurden, bleibt ewiges Geheimnis. Es hatten sich ja viele von der Truppe entfernt. Einzelne, kleine Gruppen oder ganze Kompanien. Manche wollten nur fliehen, andere kämpften auf eigene Faust weiter. Ihr Schicksal wird niemals geklärt werden. Zur Zeit war unser Leben keinen Pfifferling wert. Dass ich von allem so unbeeindruckt blieb, liegt vielleicht an meinem unerschütterlichen Vertrauen zur Gottesmutter und zu meinem Schutzengel. Oder einfach an den christlichen Glauben, für den der Tod nur der Übergang zum ewigen Leben ist. Oder daran, dass ich überhaupt „von langsam erregbaren Gemüt“ bin, wie mir mal in meiner Jugend gesagt wurde. Ich habe mir damals keine Gedanken darüber gemacht. Jedenfalls war ich kühl und gelassen.

Jetzt hebt der Iwan seine MPi und richtet die Mündung auf uns. Der Landser neben mir krallt seine Finger in meinen Ärmel. Ein anderer dreht sich um und rennt in den Wald hinein. Mehrere stürzen hinterher. Nur ich bleibe als einziger stehen. Wahrscheinlich schaltete ich nicht schnell genug. Schließlich laufe auch ich den anderen hinterher. Das wollte der Iwan nur erreichen. Er springt auf den Lkw und brauchst davon, mitsamt unseren wenigen Habseligkeiten, die auf dem Fahrzeug lagen. Er verschwand auf Nimmerwiedersehen. Armer Iwan! ein paar halbleere Brotbeutel und ein paar Kochgeschirre machen ihn schon glücklich! Ärgerlich war nur, dass wir jetzt doch zu Fuß der Kolonne nachlaufen mussten. Sie hatte eine Stunde Vorsprung. Und gefährlich war, dass wir jetzt ohne Bewachung liefen und von den Iwans als geflüchtete Soldaten verdächtigt wurden.

Nach geraumer Zeit fanden wir Anschluss an die große Kolonne. Sie bestand aus geschlossenen Kompanien, so, wie sie im Bataillonsverband kapituliert hatten. Tagelang marschierte die Kolonne nach Norden, in Richtung Riga.[1] Es gab aber kaum Verpflegung. Die Leute lebten von den Rationen, die kurz vor der Kapitulation noch ausgegeben worden waren oder die sie zufällig noch besaßen. Die Verpflegung, die die Feldküchen noch bei sich hatten, wurden in winzigen Portionen ausgegeben. Schnack und ich hatten nichts mehr. An der Verpflegungsausgabe der Feldküchen konnten wir nicht teilnehmen, weil wir zu keiner dieser Einheiten gehörten. So bettelten wir uns tagelang bei den Kameraden (der Korps-Sanitätskompanie?) durch, indem wir mal den einen, mal den anderen um ein Stück Brot baten. Nicht alle gaben es gern, wie man an ihren Mienen erkennen konnte, aber niemand hat es uns abgeschlagen, obgleich sie selbst herzlich wenig hatten.

Die Russen operieren sehr geschickt. Sie haben die endlosen Kolonnen mit relativ geringer Bewachung tagelang durch Kurland marschieren lassen, haben sie nachts auf Wiesen und freien Plätzen kampieren lassen, ohne dass jemand zu fliehen versuchte. Sie haben nämlich das Gerücht verbreitet, dass wir zu den Häfen marschieren und von dort in die Heimat verschifft würden. Ich habe es nie geglaubt, aber wir marschieren (später) tatsächlich auf Windau zu. Und so mancher mag bei aller Skepsis vielleicht doch im Stillen gehofft haben, dass es heimwärts geht. Der Russe hat uns niemals die Hoffnung genommen. „Skoro damoi,“[2] bald geht es nach Hause, war sogar im vierten Jahr der Gefangenschaft seine ständige Redensart. Und selbst da war er noch erfolgreich, denn die Hoffnung ist ja das einzige, woran sich ein Unglücklicher noch klammern kann.

II. Lager in Kurland

Krottingen

Am 12.5. kommen wir in Krottingen an.


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Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

  1. Diese Kolonne marschierte nach Süden, nach Krottingen. Am 03.06. oder wenig später marschierte der Autor in einer anderen Kolonne auf sicherlich demselben Weg nach Norden, Richtung Riga, tatsächlich nach Windau.
  2. Скоро домой