10. Mai 1945

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

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GEO INFO
Entdeckung und Gefangennahme bei Pape Karte — map
oder bei Nida/Butinge/Sventoji; ein weiterer Marschtag kann noch weiter nach Süden geführt haben. Karte — map
Marsch mit 12 Mann wohl bis zur Straße Libau–Krottingen, dann mit großer Kolonne RucavaDarbėnai(?)[1] Karte — map Karte — map

Wir marschieren die ganze Nacht hindurch. Als der Tag zu dämmern beginnt, wenden wir uns den Dünen zu. Hinter den Dünen erhebt sich der Wald, in dessen Schutz wir den Tag verbringen wollen. Da wir nicht wissen, was sich im Walde tut, wollen wir nicht aufrecht über die Dünen gehen. Daher ducken wir uns und beginnen, zwischen den Büscheln des Dünengrases die Düne hinaufzukriechen. Da bleibt mein Fuß an einem Hindernis hängen. Sofort bleibe ich reglos liegen. Ich „erstarre“, wie es die militärische Ausbildung in bestimmten plötzlichen Gefahrensituationen vorschreibt. Ich blicke mich um. Mein Fuß war in einem Draht hängengeblieben. Es ist schon hell genug, um die nähere Umgebung zu erkennen. Der Draht ist gespannt, und wie ich ihn mit den Augen weiter verfolge, entdecke ich zu meiner Verblüffung ein ganzes Netzwerk feiner Drähte. An den Schnittpunkten der Drähte stehen dünne Stäbchen mit einem dunkelbraunen Kolben. Sie sehen den braunen, samtartigen Kolben unseres Schilfes sehr ähnlich, sind aber mit Stengel knapp fußhoch. Es sind auch keine Schilfkolben, sondern Fußminen![2] Wir liegen mitten in einem Minenfeld, das die Deutschen gegen überraschende feindliche Landungen angelegt haben. Was hat mich hier gerettet? Ich glaube nicht, dass es der militärische Ausbildungsdrill war, der mich so schnell reagieren ließ. Ich habe instinktiv reagiert. Es war der Instinkt, die animalische Witterung einer Gefahr. Oder war es nicht doch wieder mein Schutzengel??

Nachdem wir die Gefahr nun erkannt hatten, war sie leicht zu umgehen. Wir ••• S. 282 •••überqueren die Dünen und erreichen den Wald. Hier hatte man gerade einen Kahlschlag vorgenommen. Überall liegen gefällte und entästete Baumstämme und hohe Berge abgeschlagener Kiefernäste. Das waren ideale Schlupfwinkel. Wir kriechen unter einen dieser Haufen und wollen hier den Tag verschlafen. Wir essen auch jetzt noch nichts. Ich spüre auch gar keinen Hunger, obgleich ich seit fast 24 Stunden nichts gegessen habe. Ich war ja immer ein bescheidener Esser, und das kommt mir jetzt zugute. Wir strecken uns aus und versuchen einzuschlafen. Inzwischen ist es hell geworden.

Wir sind noch nicht eingeschlafen, als wir plötzlich Stimmen hören. Schnack lugt vorsichtig durch die Zweige. „Eine Gruppe Russen“ meldet er. Bald erscheinen noch mehr. Es dauert nicht lange, da haben sich zahlreiche Gruppen russischer Soldaten auf dem Kahlschlag versammelt. Sie scheinen zu üben. Wir vermuten, dass sich in der Nähe eine Truppenunterkunft, wahrscheinlich ein Dorf[3], befindet. So liegen wir einige Stunden unter dem schützenden Berg von Kiefernästen, während die Russen wie Ameisen auf dem Kahlschlag herumwimmeln. Manche sind ganz nahe. Wir beobachten, dass sich eine Gruppe in verdächtiger Weise mit den Stapeln der abgeschlagenen Äste beschäftigt. Da kommen sie auch schon langsam auf unseren Haufen zu. Wir machen uns ganz flach. Ich liege auf dem Rücken und habe mein Gesicht mit Moos zugedeckt. Nun sind sie heran. Ich habe die Augen geschlossen, aber ich höre und spüre wie sie die Äste auseinander werfen. Sie haben meinen Sanitäter entdeckt. Die weiße Drillichjacke, die er trug, hat ihn verraten. Ich bleibe ruhig liegen. Da höre ich einen Russen sagen: „On spit[4],“ er schläft. Also haben sie auch mich entdeckt. Nun war es vorbei. Ich erhebe mich, und schon bin ich von den Iwans umringt. Ein kleiner, älterer Unteroffizier ist ihr Gruppenführer. Sie durchsuchen mich mit meisterhafter Routine. Im Handumdrehen bin ich Armbanduhr[5], Trauring und Reitstiefel los. Dann trennen sie mir noch das Sitzleder von der Reithose ab. Inzwischen haben sie auch noch meine zweite Pistole im Rucksack gefunden. Nachdem sie uns restlos ausgeplündert haben, schickt uns der Unteroffizier mit einer Bewachung fort. Es ging alles sehr schnell, ohne viele Worte und ohne Gehässigkeit. Unsere Person war den Iwans völlig uninteressant. Sie wollten nur unsere Wertsachen. Natürlich war dies reine Plünderung, aber wer regt sich in solcher Situation darüber auf! Sie hätten uns ja auch erschießen können, und kein Mensch hätte jemals etwas davon erfahren. Es war der 10.5.45 um 14.30 Uhr.[6]

Wir liefen also mit unserem Bewacher mit, ich auf Strümpfen. Schnack hatte mehr Glück. Er trug Schnürschuhe, die die Russen nicht wollten. Aber auf meine Reitstiefel waren sie ganz wild. Dabei hatte ich sie extra vor der Kapitulation noch angezogen, weil ich meinte, diese würden mir in Schlamm und Schnee bessere Dienste leisten. Aber der Iwan dachte genauso. Ich wusste damals noch nicht, wie begehrt gutes Schuhwerk bei den Russen ist.

Unterwegs gesellte sich noch eine Gruppe von Deutschen zu uns, die auch gerade geschnappt worden war. Ein Panzerleutnant und zwei Mann. Nach wenigen hundert Metern hatten wir den russischen Bataillonsgefechtsstand erreicht. Ich setze mich mit Schnack auf eine rohe Bank und warte. Kurz darauf erscheint ein russischer Major mit seinem Adjutanten und einem Oberschnäpser (Obergefreiter). Wir erhoben uns und grüßten. Die Russen musterten uns und wechselten einige Worte miteinander, die ich nicht verstand. Der Adju, ein Oberleutnant, trat auf mich zu und riss meine Tarnjacke zur Seite, um meine Schulterstücke zu sehen. „Ja, ein Offizier,“ sagte er zu dem Major. Der Major bedeutete mir, dass deutsche Soldaten, die nach der Kapitulation nicht bei ihren Einheiten seien und herumstreunten, sich illegaler Kampftätigkeit verdächtig machten, und das sei gefährlich für sie. Er spricht ruhig und nicht unfreundlich. Nur der russische Obergefreite, der dauernd um die beiden Offiziere herumschleicht, ist gehässig, geht nervös und unruhig hin und her und redet dauernd von „sastreljatj[7]“, erschießen. Ich mache den Major noch auf meine gestohlenen Stiefel aufmerksam und bitte ihn, sie mir wiederzubeschaffen. Daraufhin schickt er einen Mann los, der nach einer Viertelstunde mit der Nachricht wiederkommt, der Unteroffizier gebe die Stiefel nicht heraus. Da lässt der Major mir ein Paar Schnürschuhe holen. Ich habe noch nie derart ausgelatschte Schuhe gesehen, wie diese. Noch dazu ohne Schnürsenkel. Aber mehr war nicht zu erreichen.

Man schickte uns nun in ein Blockhaus, in dem schon etwa ein Dutzend deutsche Landser saßen. Sie waren alle in der Gegend aufgelesen worden. Wir bekamen Verpflegung. Es war ein sehr wohlschmeckendes Hühnerbrühe••• S. 283 •••konzentrat. Wahrscheinlich amerikanisch. Bald darauf mussten wir antreten. Der Major rief mich heraus und übergab mir das Kommando über die zwölf Gefangenen. Ich lasse sie antreten, und mit dem Kommando: „Abteilung stillgestanden – Ohne Tritt – Marsch!“ setzen wir uns in Bewegung. Drei Iwans werden uns zur Bewachung mitgegeben.

Nun begann ein endlos langer Marsch durch Wälder, Sumpfgebiete, über offenes Land vorbei an Gehöften, aus denen manchmal bei unserer Ankunft Scharen von Iwans heraus strömten und uns mit höhnischen Bemerkungen überschütteten. Einige waren bösartig, andere wollten uns die letzten Habseligkeiten abnehmen. Sie wurden aber von unseren Bewachern abgedrängt. An einem dieser Gehöfte machten wir Rast. Hier ist ein russischer Hauptmann einquartiert, mit dem ich ins Gespräch komme. Erst bat ich ihn um besseres Schuhzeug, aber er hatte keins. Dann frage ich ihn nach unserem Zukunftsaussichten. Er meinte beruhigend, nach Sibirien kämen wir nicht, aber mit ein paar Jahren Gefangenschaft müssten wir rechnen.

Unsere Bewacher betteln uns immer wieder um Zigaretten an, aber wir haben keine. Bei einer unserer Ruhepausen im Wald wird einer der Iwans ungeduldig, reißt einem unserer Landser den Brotbeutel fort und durchsucht ihn. Aber Zigaretten fand er nicht.

Auf einem Feldweg kommen uns zwei berittene russische Offiziere entgegen. Im Vorbeireiten sagt der eine zu seinem Genossen in höhnischem Tonfall „Tsigani[8]“ (Zigeuner), und beinahe wäre mir die spontane Erwiderung herausgerutscht: „Ssami tsigani!“, selber einer! Mein Schutzengel hat mich davor bewahrt. Der Iwan hätte mich erschossen.

Kurze Zeit später kommt uns auf demselben Weg ein Pkw entgegen. Er stoppt, und ein mongolischer Offizier steigt aus, gefolgt von einem älteren deutschen Offizier als Dolmetscher. Der Mongole sieht die schwarze Uniform des Panzerleutnants und zieht sofort seine Pistole. „SS?“ fragt er. „Nein, Tankist!“ erwidert der Deutsche. Nach einigen Fragen, die der Dolmetscher wohlwollend übersetzt, nachdem er dem Panzerleutnant die Antworten in den Mund gelegt hat, droht der Mongole mit dem Finger und wendet sich wieder dem Auto zu. Wir marschieren weiter.

Da ich keinen Kamm mehr habe, bricht der Panzerleutnant den seinen in zwei Teile und gibt mir die eine Hälfte. Im übrigen hätte er unsere Bewacher am liebsten umgebracht und wäre noch einmal getürmt. Er machte zu mir mal so eine Bemerkung. Vielleicht wollte er mal auf den Busch klopfen, oder er redete nur so daher. Unterwegs kommen wir immer wieder an Wachttürmen und bewachten Straßensperren vorbei, die die Russen in erstaunlich kurzer Zeit errichtet haben. Überall an Ortseingängen und -ausgängen, an Straßenkreuzungen, kleinen Brücken oder Laufstegen in Sumpfgebieten stehen Posten und Sperren. Das Land scheint lückenlos überwacht. Ich bin beeindruckt von diesem perfekten System der Überwachung von Land und Leuten. Auch darin sind die Russen Meister. Mir wird klar, dass unsere Flucht angesichts unserer Unkenntnis dieses Kontrollnetzes niemals gelungen wäre. In allen Häusern und Dörfern liegt Einquartierung! Wir hätten wohl kaum irgendwo Verpflegung erhalten können. Vielleicht war es sogar ein Glück, dass wir schon am zweiten Tag erwischt worden sind, noch dazu von friedlichen Russen.

Unterwegs höre ich unsere Posten zweimal von „spezialny Plennij[9]“ reden, wenn sie mit ihren Kameraden sprachen. Wir sind also „besondere Gefangene“? Ich höre auch, dass wir zur Division gebracht werden sollen, und nicht in eines der provisorischen Massengefangenenlager, in denen unsere Truppen gesammelt werden. Das gefällt mir nicht.

Wir kreuzen eine breite Straße[10], die durch den Wald läuft. Auf der Straße rastet gerade eine endlose Kolonne deutscher Gefangener. Unsere Posten kommen mit den Wachmannschaften der Kolonne ins Gespräch. Jetzt schalte ich schnell. Ein kurzer Blick zu unseren Posten. Sie stehen auf der Straße und palavern mit ihren Kameraden. Da ducke ich mich wie unabsichtlich zur Erde und setze mich schnell zu einer Gruppe der auf der Straße lagernden Kolonne. Ich reiße meine Tarnjacke herunter und nehme meine Mütze ab. Jetzt sehe ich etwas anders aus. Dann rutsche ich immer weiter von den Posten weg. Ob nun die Posten wirklich nichts gemerkt haben, oder ob sie froh waren, uns nach diesem Vierzig-Kilometer-Marsch endlich los zu sein, oder ob sie sich mit ihrem typischen „Nitschewo[11]“ ins Unvermeidliche schickten, entzieht sich meiner Kenntnis. Dann hieß es auch schon: „Auf – marsch!“, und ich marschiere in der großen Kolonne mit. Später sehe ich, dass auch Schnack dabei ist.

••• S. 284 •••Die Kolonne marschiert über RucawaDarbenai (?). Die Nacht vom 11.–12.5. verbringen wir mit einer Luftwaffenkompanie in einer Scheune. Die Nacht ist unruhig und irgendwie unheimlich, als ob ein Unheil in der Luft läge. Die Leute sind nervös. Eine schleichende Panikstimmung herrscht unter diesen Schlipssoldaten[12]. Am Morgen sind zwei Soldaten tot. Sie haben sich aus Angst vergiftet.


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  1. Fragezeichen bei Darbenai so im Original
  2. möglicherweise Stockminen 44
  3. Wenn der Nachtmarsch um 23 Uhr begann und um 05.30 Uhr die Sonne aufging, hatten sie vielleicht 25 km zurückgelegt und den Bereich Nida–Butinge–Sventoji erreicht, vielleicht auch erst 17 km bis Pape, das günstiger zu Rucava (Ausgangspunkt für den später anschließenden Marsch der großen Gefangenenkolonne) liegt.
  4. он спит
  5. So ist der Autor seine Dienst-Armbanduhr (Heeres-Modell mit schwarzem Zifferblatt) zunächst los; im Juli in Windau hat er aber bereits wieder andere erworben, vermutlich die Luftwaffen-Uhr mit weißem Zifferblatt, die er scherzhaft als „haargenau gehende Wehrmachts-Dienstuhr“ bezeichnete, vergolden ließ (was leider ihre Genauigkeit beeinträchtigte) und bis zu seinem Lebensende trug.
  6. Der Autor nennt ausdrücklich den 08.05.1945, 16 Uhr als Beginn der Flucht und den 10.05.1945, 14.30 Uhr als Tag der Gefangennahme, berichtet aber nur von einem einzelnen Nachtmarsch und von keiner Übernachtung am Tage. Es müsste also eigentlich der 09.05. sein, oder es gab 2 Nachtmärsche.
  7. застрелять, eher „abschießen“
  8. цыгане, сами цыгане
  9. специальны[е] [военно]пленны[е]
  10. vermutlich die Straße Libau–Krottingen
  11. ничего, nichts (also eigentlich „nitschego“ zu sprechen)
  12. abfällige Bezeichnung für Luftwaffensoldaten