Der erste Westfale
von Ralf Konecki
- Die ersten Siedler in Westfalen kamen aus dem nordhessischen Bereich (Warburger Börde) und ließen sich in der Soester Börde nieder. Vom Westen her gesellten sich zwischen 5300 und 5250 v. Chr. bandkeramische Siedler aus dem Rheinland hinzu. Sie gründeten auf den fruchtbaren Lößböden die ersten zehn Siedlungen zwischen Dortmund und Bochum, darunter bei Stockum und Oespel.[1] „De äiste Westfaole" (Der erste Westfale), wie ihn die Sage nennt, kam aus der Sicht der Archäologie demnach vor ziemlich genau 7300 Jahren im Rahmen der neolithischen Revolution in unser Land. Die Menschen wurden hier sesshaft und betrieben eine Feldgraswirtschaft mit Ackerbau und Viehzucht. Die Wanderschaft der Sammler und Jäger fand hierdurch eine Einschränkung; sie zogen sich in die Wald- und Bergregion des Sauerlands zurück. Der „Westfale" blieb auf seiner von ihm mit eigener Hände Arbeit beackerten und gepflegten Erdscholle sitzen, die schon in der vorrömischen Eisenzeit vielfach in übersichtliche Vierecke (Hufen) mit schützenden Knicks (Wallhecken) eingeteilt war. So wurde er mit seiner Familie „Besitzer" von Land, Haus und Hof. Sein Tun war eingebunden in den Jahreskreis von Sonne, Mond und Natur. Entsprechend entwickelten sich sein Denken und Handeln, seine Sitten und Bräuche. Sie unterschieden sich von denjenigen der Jäger und Sammler und seit dem Mittelalter auch von denjenigen der Städter. Doch am Ende des 18. Jahrhunderts wurde seine gewohnte Lebensweise durch die industrielle Revolution weitgehend erschüttert.
Aufgrund der rasch fortschreitenden Zersiedlung der Landschaft in der allerneuesten Zeit tauchten auf der anderen Seite zahlreiche Bodenurkunden aus ältester Zeit auf. So ist es der Spatenwissenschaft (= Archäologie) gelungen, die ersten Bauern Westfalens (jungsteinzeitliche Bandkeramiker) am Schopfe zu packen. In ihrem Aufsatz „Die Anfänge des Neolithikums in Nordrhein-Westfalen“ schreiben die beiden Archäologen Martin Heinen und Ulla Münch: „Die Bandkeramik erreichte Westfalen etwas später als das Rheinland, irgendwann zwischen 5300 und 5250 v. Chr. Auch hier war die Besiedlung zunächst an die fruchtbaren Lösszonen gebunden; das nordmitteldeutsche Flachland (zum Beispiel das Münsterland) mit seinen sandigen, nur mäßig fruchtbaren Moränenkuppen oder die weniger ertragreichen Böden der Mittelgebirge (zum Beispiel Sauerland und Bergisches Land) mieden die ersten Bauern. In diesen Gebieten existierten weiterhin mesolithische Jäger- und Sammlergruppen, je nach Region noch mehrere hundert bis fast 2000 Jahre lang. Kontakte zwischen der endmesolithischen Bevölkerung und der Bandkeramik bzw. den nachfolgenden mittel-, jung- und spätneolithischen Kulturen waren anscheinend nicht unüblich.“[2]
(Graphik: Winfried Schrödter nach Heinen/Münch S. 127, Kartengrundlage: TUBS , CC0, via Wikimedia Commons)
Die ersten Bauern in Westfalen lassen sich auf eine Generation genau bestimmen. Sie siedelten einmal vom Rheinland kommend in Richtung auf die Dortmunder Börde und zum anderen Mal aus Hessen auf Warburger und Soester Börde zu (Abb.1). Seit dieser Zeit sind im Jahre 2020 ziemlich genau 7320 Jahre (= 5300 + 2020) vergangen. Sammler, Jäger und Landwirte, die in den natürlichen Kreisläufen denken, haben weder einen Hang zu einer linearen Zeitrechnung, noch fänden sie eine Orientierung nach Zeitären sinnvoll. Warum auch. In äußeren Dingen prägend sind aber Kulturen, die sich in Ären begründen. Das islamische Jahr zählt auf Grundlage eines historischen Ereignisses als festgelegten Zählanfang im Jahr 2020 das Jahr 1442, die römische Ära beginnt ihre Zählung mit der Ummauerung der Stadt Rom (a.u.c = ab urbe condita) und zählt anno 2020 schon 2773 Jahre, die christliche Ära zählt ab Geburt Christi. Diese Zählweise benutzen wir selbst. Sie ist mittlerweile weltweit verbreitet. Die jüdische Ära zählt 5781 Jahre. Weiter zurück als die Ära „seit der ersten bäuerlichen Besiedlung Westfalens“, die den Umbruch zur „Jungsteinzeitlichen Revolution“ markiert, läge nur noch die um 209 Jahren ältere byzantinische Ära mit 7529 Jahren.[3]
Der Westfale auf den Westmärker Börden zwischen Soest und Bochum könnte, wenn er wollte, mit 7322 Jahren anno 2022 auf die zweitälteste Ära zurückblicken. Oder anders ausgedrückt: Vor ziemlich genau 7322 Jahren kamen die ersten Siedler vom Rheinland und der Warburger Börde und bestellten den fruchtbaren Lössboden nördlich von Ruhr und Möhne. Sie waren aber nicht die ersten Menschen, die in diesem Gebiet lebten. Ausgrabungen am Niederrhein zeigen, wie wir uns die Besiedlung zwischen unterer Ruhr und Salzkotten vorzustellen haben. Die Aufsiedlung einer Lössplatte erfolgt in der ersten Generation mit ein bis vier Häusern und rund 24 Bewohnern. Von dieser Pionierfamilie ausgehend wurden innerhalb von etwa 50 Jahren in geringer Entfernung weitere Einzelhöfe errichtet.[4] Diese dem Lössboden geschuldete Besiedlung finden wir im Grunde noch heute vor, wenn wir auf die alten Höfe blicken, wie sie vor der Industriellen Revolution, teils bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts bei uns noch Bestand hatte. Die Höfe in Oespel, Annen, Salingen, Persebeck, Großholthausen, Löttringhausen und Kleinholthausen liegen noch heute vergleichbar in geringer Entfernung zueinander. Und bis in die 1970-er Jahren hielten die Bauern neben dem Anbau von Kräutern, Gemüse, Getreide und Feldfrüchten vielfach auch Ziegen, Schafe, Hühner, Kühe, Pferde und Schweine. Daneben gab es vielfach den Obstgarten und einen Wachhund. Die zügellose Zersiedlung der Landschaft schnürt die Höfe mehr und mehr ein, wodurch sie zusehends die für das Leben notwendige Vielfalt verlieren. Vorherrschend wird zur Zeit der Freizeitreitsport betrieben. Aber es gibt sie noch, die Höfe mit „Landwirtschaft & Pensionspferden & Hofladen“ wie z. B. in Großholthausen.