1945/Mai/12/en: Unterschied zwischen den Versionen

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Weitermarsch. Für Marschkranke wird ein Lkw zur Verfügung gestellt. Erstaunlich! Ich steige mit auf, obgleich ich gar nicht fußkrank bin. Wir sind nur acht Mann. Nach endlosem Warten – die Kolonne war längst ab marschiert – starten wir mit einem russischen Fahrer und einem Unteroffizier. Nach einiger Zeit biegt er plötzlich von der Landstraße in einen Feldweg ein, fährt bis zu einem Waldrand und stoppt. Der russische Unteroffizier lässt uns absteigen, stellt uns in einer Reihe am Waldrand auf und reißt seine Maschinenpistole von der Schulter. Er fuchtelt damit herum und erklärt, er werde uns erschießen. Ich bin ungerührt und völlig ruhig.  
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Onward march. A truck is provided for marching sick people. Amazing! I climb aboard, even though I'm not footsore at all. There are only eight of us. After an endless wait - the column had long since marched off - we set off with a Russian driver and a sergeant. After a while he suddenly turns off the country road into a dirt track, drives to the edge of a forest and stops. The Russian sergeant lets us get off, lines us up at the edge of the forest and pulls his submachine gun from his shoulder. He waves it around and declares that he will shoot us. I am unmoved and completely calm.  
  
Seit der Kapitulation war ich sowieso auf das Schlimmste gefasst. Wieviele deutsche Soldaten in diesem turbulenten Tagen nach der Kapitulation noch erschossen wurden, bleibt ewiges Geheimnis. Es hatten sich ja viele von der Truppe entfernt. Einzelne, kleine Gruppen oder ganze Kompanien. Manche wollten nur fliehen, andere kämpften auf eigene Faust weiter. Ihr Schicksal wird niemals geklärt werden. Zur Zeit war unser Leben keinen Pfifferling wert. Dass ich von allem so unbeeindruckt blieb, liegt vielleicht an meinem unerschütterlichen Vertrauen zur Gottesmutter und zu meinem Schutzengel. Oder einfach an den christlichen Glauben, für den der Tod nur der Übergang zum ewigen Leben ist. Oder daran, dass ich überhaupt „von langsam erregbaren Gemüt“ bin, wie mir mal in meiner Jugend gesagt wurde. Ich habe mir damals keine Gedanken darüber gemacht. Jedenfalls war ich kühl und gelassen.
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Since the surrender, I was prepared for the worst anyway. How many German soldiers were shot in those turbulent days after the surrender remains an eternal secret. After all, many of them had left the troops. Individuals, small groups or whole companies. Some just wanted to flee, others continued to fight on their own. Their fate will never be clarified. At the time, our lives were not worth a rush. The fact that I remained so unimpressed by everything is perhaps due to my unshakeable trust in the Blessed Mother and my guardian angel. Or simply because of the Christian faith, for which death is only the transition to eternal life. Or because I am "of a slow excitable disposition" at all, as I was once told in my youth. I didn't give it much thought at the time. In any case, I was cool and calm.
  
Jetzt hebt der Iwan seine MPi und richtet die Mündung auf uns. Der Landser neben mir krallt seine Finger in meinen Ärmel. Ein anderer dreht sich um und rennt in den Wald hinein. Mehrere stürzen hinterher. Nur ich bleibe als einziger stehen. Wahrscheinlich schaltete ich nicht schnell genug. Schließlich laufe auch ich den anderen hinterher. Das wollte der Iwan nur erreichen. Er springt auf den Lkw und brauchst davon, mitsamt unseren wenigen Habseligkeiten, die auf dem Fahrzeug lagen. Er verschwand auf Nimmerwiedersehen. Armer Iwan! ein paar halbleere Brotbeutel und ein paar Kochgeschirre machen ihn schon glücklich! Ärgerlich war nur, dass wir jetzt doch zu Fuß der Kolonne nachlaufen mussten. Sie hatte eine Stunde Vorsprung. Und gefährlich war, dass wir jetzt ohne Bewachung liefen und von den Iwans als geflüchtete Soldaten verdächtigt wurden.
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Now the Ivan raises his MPi and points the muzzle at us. The soldier next to me clutches his fingers in my sleeve. Another turns and runs into the forest. Several rush after him. I am the only one who remains standing. I probably didn't switch fast enough. Eventually I too run after the others. That's all the Ivan wanted to do. He jumps onto the truck and takes off, along with our few belongings that were lying on the vehicle. He disappeared never to be seen again. Poor Ivan! A few half-empty haversacks and a few cooking utensils already made him happy! The only annoyance was that we now had to follow the column on foot. They had an hour's lead. And it was dangerous that we were now walking without guards and were suspected by the Ivan to be escaped soldiers.
  
Nach geraumer Zeit fanden wir Anschluss an die große Kolonne. Sie bestand aus geschlossenen Kompanien, so, wie sie im Bataillonsverband kapituliert hatten. Tagelang marschierte die Kolonne nach Norden, in Richtung [[w:Riga|Riga]].<ref>Diese Kolonne marschierte nach Süden, nach Krottingen. Am 03.06. oder wenig später marschierte derAutor in einer anderen Kolonne auf sicherlich demselben Weg nach Norden, Richtung Riga, tatsächlich nach Windau.</ref> Es gab aber kaum Verpflegung. Die Leute lebten von den Rationen, die kurz vor der Kapitulation noch ausgegeben worden waren oder die sie zufällig noch besaßen. Die Verpflegung, die die Feldküchen noch bei sich hatten, wurden in winzigen Portionen ausgegeben. Schnack und ich hatten nichts mehr. An der Verpflegungsausgabe der Feldküchen konnten wir nicht teilnehmen, weil wir zu keiner dieser Einheiten gehörten. So bettelten wir uns tagelang bei den Kameraden (der Korps-Sanitätskompanie?) durch, indem wir mal den einen, mal den anderen um ein Stück Brot baten. Nicht alle gaben es gern, wie man an ihren Mienen erkennen konnte, aber niemand hat es uns abgeschlagen, obgleich sie selbst herzlich wenig hatten.
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After some time, we joined the large column. It consisted of closed companies, just as they had surrendered in battalions. For days the column marched north, towards [[w:en:Riga|Riga]].<ref>This column marched south, towards Kretinga. On 3 June, or a little later, the author, in another column, marched north, certainly the same way, towards Riga, actually to Ventspils.</ref> But there was hardly any rations. People lived on the rations that had been issued shortly before the surrender or that they happened to still have. The rations that the field kitchens still had with them were given out in tiny portions. Schnack and I had nothing left. We couldn't take part in the rations issued by the field kitchens because we didn't belong to any of these units. So for days we begged our way through the comrades (of the corps medical company?), sometimes asking one, sometimes the other for a piece of bread. Not all of them gave it gladly, as you could see from their expressions, but no one refused us, even though they themselves had dearly little.
  
Die Russen operieren sehr geschickt. Sie haben die endlosen Kolonnen mit relativ geringer Bewachung tagelang durch Kurland marschieren lassen, haben sie nachts auf Wiesen und freien Plätzen kampieren lassen, ohne dass jemand zu fliehen versuchte. Sie haben nämlich das Gerücht verbreitet, dass wir zu den Häfen marschieren und von dort in die Heimat verschifft würden. Ich habe es nie geglaubt, aber wir marschieren ''(später)'' tatsächlich auf [[w:Ventspils|Windau]] zu. Und so mancher mag bei aller Skepsis vielleicht doch im Stillen gehofft haben, dass es heimwärts geht. Der Russe hat uns niemals die Hoffnung genommen. „Skoro damoi,<ref>Скоро домой</ref> bald geht es nach Hause, war sogar im vierten Jahr der Gefangenschaft seine ständige Redensart. Und selbst da war er noch erfolgreich, denn die Hoffnung ist ja das einzige, woran sich ein Unglücklicher noch klammern kann.
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The Russians operate very skilfully. They let the endless columns march through Courland for days with relatively little guarding, let them camp on meadows and open spaces at night without anyone trying to escape. In fact, they spread the rumour that we would march to the ports and be shipped home from there. I never believed it, but ''(later)'' we are indeed marching towards [[w:en:Ventspils|Ventspils]]. And many a man, for all his scepticism, might have hoped in silence that we were heading home. The Russian never took away our hope. "Skoro damoi,"<ref>Скоро домой</ref> soon it will be home, was his constant saying even in the fourth year of captivity. And even then he was successful, because hope is the only thing an unfortunate person can still cling to.
  
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=== II. Camps in Courland ===
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==== Krottingen ====
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On 12 May we arrive in [[w:en:Kretinga|Kretinga]].
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[[Kategorie:Tagebuchfragmente]]
 
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Aktuelle Version vom 5. Januar 2021, 00:50 Uhr

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

De.png
GEO INFO
DarbėnaiKretinga Karte — map Karte — map

Onward march. A truck is provided for marching sick people. Amazing! I climb aboard, even though I'm not footsore at all. There are only eight of us. After an endless wait - the column had long since marched off - we set off with a Russian driver and a sergeant. After a while he suddenly turns off the country road into a dirt track, drives to the edge of a forest and stops. The Russian sergeant lets us get off, lines us up at the edge of the forest and pulls his submachine gun from his shoulder. He waves it around and declares that he will shoot us. I am unmoved and completely calm.

Since the surrender, I was prepared for the worst anyway. How many German soldiers were shot in those turbulent days after the surrender remains an eternal secret. After all, many of them had left the troops. Individuals, small groups or whole companies. Some just wanted to flee, others continued to fight on their own. Their fate will never be clarified. At the time, our lives were not worth a rush. The fact that I remained so unimpressed by everything is perhaps due to my unshakeable trust in the Blessed Mother and my guardian angel. Or simply because of the Christian faith, for which death is only the transition to eternal life. Or because I am "of a slow excitable disposition" at all, as I was once told in my youth. I didn't give it much thought at the time. In any case, I was cool and calm.

Now the Ivan raises his MPi and points the muzzle at us. The soldier next to me clutches his fingers in my sleeve. Another turns and runs into the forest. Several rush after him. I am the only one who remains standing. I probably didn't switch fast enough. Eventually I too run after the others. That's all the Ivan wanted to do. He jumps onto the truck and takes off, along with our few belongings that were lying on the vehicle. He disappeared never to be seen again. Poor Ivan! A few half-empty haversacks and a few cooking utensils already made him happy! The only annoyance was that we now had to follow the column on foot. They had an hour's lead. And it was dangerous that we were now walking without guards and were suspected by the Ivan to be escaped soldiers.

After some time, we joined the large column. It consisted of closed companies, just as they had surrendered in battalions. For days the column marched north, towards Riga.[1] But there was hardly any rations. People lived on the rations that had been issued shortly before the surrender or that they happened to still have. The rations that the field kitchens still had with them were given out in tiny portions. Schnack and I had nothing left. We couldn't take part in the rations issued by the field kitchens because we didn't belong to any of these units. So for days we begged our way through the comrades (of the corps medical company?), sometimes asking one, sometimes the other for a piece of bread. Not all of them gave it gladly, as you could see from their expressions, but no one refused us, even though they themselves had dearly little.

The Russians operate very skilfully. They let the endless columns march through Courland for days with relatively little guarding, let them camp on meadows and open spaces at night without anyone trying to escape. In fact, they spread the rumour that we would march to the ports and be shipped home from there. I never believed it, but (later) we are indeed marching towards Ventspils. And many a man, for all his scepticism, might have hoped in silence that we were heading home. The Russian never took away our hope. "Skoro damoi,"[2] soon it will be home, was his constant saying even in the fourth year of captivity. And even then he was successful, because hope is the only thing an unfortunate person can still cling to.

II. Camps in Courland

Krottingen

On 12 May we arrive in Kretinga.


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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Epilog Anhang

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

  1. This column marched south, towards Kretinga. On 3 June, or a little later, the author, in another column, marched north, certainly the same way, towards Riga, actually to Ventspils.
  2. Скоро домой