28. Dezember 1943

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Codenamen der Operationen im Sommer 1942 Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

English
GEO INFO
Kitaigorodka Karte — map

Nach diesem erfolglosen Gegenangriff ist unsere Frontlinie nicht mehr zu halten. Wir selbst haben unsere Stellungen zwar behauptet, aber der Feind steht links so tief in unserer Flanke, dass er unseren vorspringenden Frontkeil abzuschnüren droht. Wir müssen also zurück. Der Ablauf der Absetzbewegung ist festgelegt. Bei Einbruch der Dunkelheit[1] wird der Bataillonsstab und die Besatzung von Boshidar das Dorf verlassen und sich über Kitaigorodka auf eine neue Stellungslinie zurückziehen, die etwa sechs bis acht Kilometer weiter rückwärts liegt. Zur selben Zeit verlassen auch die Kompanien ihre Stellungen auf der Höhe und lassen in jedem Kompanieabschnitt nur eine Gruppe als Nachhut zurück. Diese Nachhutgruppen sollen sich vier Stunden später aus den Stellungen lösen und sich dann ebenfalls zurückziehen. Zum Führer dieser Nachhut bin ich bestimmt worden.

10 Uhr abends. Über dem Gelände liegt ein leichter Nebelschleier, den uns ein gütiges Geschick gesandt hat. Es ist ein etwas unheimliches Gefühl, zu wissen, dass wir jetzt völlig allein in Feindesland stehen. Das Hinterland ist geräumt. Unsere Einheiten marschieren schon seit zwei Stunden zurück und haben einen leeren Raum von mehreren Kilometern Tiefe hinter uns freigegeben. Links von uns steht der Feind schon tief in unserer Flanke. Diese Seite ist also völlig offen. Und ich stehe hier noch mit 24 Mann, die einen drei Kilometer ••• S. 169 •••langen Frontabschnitt sichern müssen, der zudem noch durch die Mulde in zwei Teile zerschnitten ist. Auf jeder Seite der Mulde stehen oben auf den Höhen noch zwölf Mann. Durch vereinzelte Schüsse, die wir von Zeit zu Zeit abgeben, täuschen wir eine besetzte Front vor. Aber wenn es dem Russen einfiele, jetzt anzugreifen, würde es außerordentlich kritisch. Aber wir sind ja nicht nur von vorn bedroht, sondern auch von der linken Seite, wo der Feind mehrere Kilometer weit in unserer Flanke steht.

Es ist kurz vor Mitternacht. Ich befinde mich bei der Nachhut auf der linken Seite der Hochfläche. Es ist Zeit zum Aufbruch. Als Zeichen zum Sammeln haben wir eine weiße Leuchtkugel vereinbart, die ich jetzt abschießen lasse. Nun muss auch drüben auf der anderen Seite des Taleinschnittes dasselbe Signal als Antwort hochgehen. Gespannt blicken wir hinüber. Da ist es! Hoch in der Luft dringt plötzlich ein milder, gelblicher Lichtschein durch den Nebel. Er verstärkt sich noch etwas und erlischt dann so plötzlich, wie er aufgeleuchtet war. Sie haben uns also verstanden. Die hiesige Gruppe hat inzwischen gesammelt, und ich gebe das erlösende Kommando: „Abmarsch!“. Wir verlassen die Stellungen. An der kleinen Holzbrücke vor dem Dorf wollen wir uns mit der Gruppe von der anderen Talseite treffen. Da unser Weg der kürzere ist, sind wir zuerst da. Doch bald ist auch die andere Gruppe heran. Auf der Dorfstraße entlang laufend, sind wir bald an der Häuserreihe von Boshidar vorbei. Am Ende des Dorfes machen wir noch einen kurzen Halt, um auch die drei Mann aufzunehmen, die der Bataillonsstab als Nachhut im Dorf zurückgelassen hatte.

So verließ ich mit meiner Nachhut das Dörfchen Boshidar in dichtem Nebel.[2]

Nun sind wir vollzählig: 28 Mann. Die kleine Schar setzt sich in Bewegung. Ich gehe am Schluss und verlasse als letzter deutscher Soldat das Dorf, das wir bis zur letzten Stunde erfolgreich verteidigt haben. Da gehen sie vor mir her, ein kleines Häuflein Soldaten. Wie ein Tausendfüßler stapft die Reihe durch den Schnee auf dem Weg nach Kitaigorodka zurück. Vom Gelände ist nichts zu erkennen. Wir gehen wie in einer lichten Wolke. Ich drehe mich nach allen Seiten und sehe nur die ebene, weiße Schneefläche, die unmerklich und ohne Horizont in den milchigen Nebel übergeht. Das fahle Licht der Winternacht liegt über dieser weißen Grenzenlosigkeit. Und vor mir die dunkle Schlange, die sich dahinwindet, den sanften Biegungen des Weges folgend. So trotten wir dahin, während um uns herum ein barmherziger Nebel den Vorhang schließt, der uns den Blicken des Feindes entzieht.

Wir müssen nun bald in Kitaigorodka sein. Es ist ein großes Dorf, von Boshidar aus konnte man es am Horizont liegen sehen, und mit dem Marschkompass war es selbst im Nebel nicht schwer zu finden. Ich setze mich jetzt an die Spitze der Schlange. Nach kurzer Zeit tauchen die Schatten der ersten Häuser aus dem Nebel auf. Ich teile die Männer in zwei Gruppen. Die erste geht mit schussbereiten Waffen außerhalb des Dorfes an der letzten Häuserreihe entlang. Die zweite Gruppe marschiert, immer in gleicher Höhe, über die Dorfstraße hinter derselben Häuserreihe weiter. Auf diese Weise haben wir diese Häuserzeile zwischen uns und können etwaige Partisanen in die Zange nehmen. Es bleibt aber alles still. Das Dorf liegt in tiefem Schlaf. Ich gehe mit der äußeren Gruppe und halte Ausschau nach den Wegemarkierungen, die das Bataillon für uns aufstellen wollte, um uns den weiteren Marschweg anzuzeigen. Da, wo die Dorfstraße wieder ins freie Feld hinausführt, steht auch schon der erste Strohwisch, der an einem Stock befestigt ist. Die beiden Gruppen vereinigen sich wieder, und dann folgen wir dem abgesteckten Weg, bis wir im Morgengrauen auf unsere ersten Sicherungen stoßen, die uns schon erwarten.


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1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Codenamen der Operationen im Sommer 1942 Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

  1. am 28.12. (KTB PzAOK 1, NARA T-313 Roll 62 Frame 7297739/40, Befehl: Roll 64 Frame 7300488/89)
  2. Das Originalbild zeigt ungarische Soldaten, deren 2. Armee im Januar 1943 in der Operation Ostrogoschsk-Rossosch zerschlagen wurde.