20. April 1945
| GEO & MIL INFO | ||||
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| später zusätzlich NSFO[1] des Bataillons
30.: Hitler tot | ||||
| 25./26.: Unterstellungswechsel vom OKH zum OKW[2] | ||||
20.4.45. Der Bataillonsführer schickt mir die ersten Verleihungsurkunden und Bänder des neu geschaffenen „Ärmelband Kurland“. Es sind die ersten acht Stück. Auch für mich ist schon eins dabei. Die andern sollen in Kürze folgen. Ich mache mich sofort auf den Weg zu dem MG-Stützpunkt auf der Insel, um die Bänder zu verteilen. Der damalige Gefreite[3] assistiert mir dabei. Das Band hat eine Weberei in Goldingen hergestellt, und lettische Frauen haben in Heimarbeit die letzten Näharbeiten an dieser letzten deutschen Kriegsauszeichnung vorgenommen.[4]
Plötzlich kracht und dröhnt es an der Front. Mein rechter Kompanieabschnitt liegt unter schwerem Feuer. Das Telefon schrillt. Der Zugführer meldet sich. Er vermutet einen Angriff. Nach einiger Zeit jedoch flaut das Feuer ab und schläft dann ganz ein. Ich gehe nach vorn, um mich zu informieren. Es ist nichts passiert. Im Gegenteil, die Landser lachen sich tot! Da war nämlich beim Nachlassen des Feuers ein Landser von seinem Unterstand in die Feuerstellung gelaufen, immer wie eine Katze am Wall entlangschleichend. Da kam ihm plötzlich von der anderen Seite jemand entgegengepirscht, mit krummem Rücken und schussbereitem Gewehr. Beide erblicken sich gleichzeitig, und jeder hielt den anderen für einen Russen. Im ersten Schreck fahren beide zurück hinter die nächste Deckung und eröffnen das Feuer aufeinander, bis sie schließlich ihren Irrtum erkennen. Sie schwiegen sich aber über diesen Vorfall aus, um sich nicht lächerlich zu machen. Aber ein Dritter hat es zufällig mit angesehen und sorgt für schnelle Verbreitung dieses Schauspiels, über das die Landser sich kaputtlachen wollen.
Unser rechter Nachbar ist ein litauisches Bataillon[5]. Heute Nachmittag war ich einmal drüben und habe den Kompanieführer unserer rechten Anschlusskompanie besucht. Es ist ein junger, hellblonder Leutnant. Ein hübscher Kerl, der recht gut deutsch spricht. Auch die Stellungen der Kompanie habe ich mir ein bisschen angesehen. Ihre MG-Nester und Schützenstände sind mit Baumstämmen bis in Brusthöhe gut gesichert. Sie haben mehr Holz, denn ihre Stellungen liegen zum Teil schon auf festem Land. Der Abschnitt dieses Bataillons ist derselbe, den damals das Bataillon des bayrischen Cholerikers besetzt hatte und der sich bis Jurmalciems hinzieht. Der nächste Kompanieabschnitt ist schon der, den ich damals besetzt hatte. Es war unsere erste Stellung in Kurland. Zu dem Abschnitt, den Leutnant Harms mit dem 1. Zug damals besetzt hatte, kann ich hinübergucken.
Auf der linken Seite unseres Bataillonsabschnitts liegt eine Artillerie-Ein••• S. 272 •••heit, die ihre sämtlichen Geschütze bei den Kämpfen verloren hat. Nun stehen die Kanoniere als Infanteristen vorn.[6] Ich habe sie heute mal besucht. Auch ihre Stellungen liegen schon auf festem Boden, der dichten Hochwald trägt. Entlang ihrer Front haben die Artilleristen einfach einen hohen Palisadenzaun errichtet, in den in bestimmten Abständen MG-Stellungen eingebaut sind. Das Vorgelände ist sehr unübersichtlich. Deshalb gelingt es sowjetischen Spähtrupps immer wieder, bis an den Zaun heranzukommen. Einmal haben sie sogar einen Posten ausgehoben. Die Einheit hat jetzt Verstärkung aus einem Konzentrationslager bekommen. Es sind durchweg Leute mit leichten Vergehen, die sie hier im Frontdienst abbüßen sollen.
Neben dieser Ari-Einheit liegt unsere 2. Kompanie, die Leutnant Voit führt. Auch sie liegt schon auf trockenem Land. Hier sind plötzlich zwei Mann verschwunden. Eines Morgens war der Postenstand leer, und alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die beiden übergelaufen sind.
Von vorn wird mir gemeldet, dass drüben beim Iwan ein Propaganda-Lautsprecher unsere Leute zum Überlaufen auffordert. „Kameraden, kommt herüber und bringt Kochgeschirre mit. Es gibt Pudding! Und in unseren Fronttheatern seht ihr tausend süße Beinchen!“ Ich gebe die Meldung telefonisch zum Bataillon weiter. Kurze Zeit später hauen drüben ein paar Lagen unserer Artillerie in den Wald.
Eben kommt ein Anruf von vorn, dass der Lautsprecher schon wieder am Werk sei. Ich laufe nach vorn, um mir das mal anzuhören. Dieselben Lockungen wie gestern abend. Aber heute haben sie noch eine neue Platte aufgelegt. Plärrend schallt es herüber: „... und Eure Frauen haben Verhältnisse mit Amis und alliierten Gefangenen...“ Da brüllt einer meiner Landser zurück: „Macht nichts, dafür ... wir eure Weiber!“ Gröhlendes Gelächter über diese schlagfertige, aber wenig salonfähige Antwort! Von drüben ertönen noch einige Walzermelodien, und dann ist Ruhe.
Das Regiment hat laufende Aufklärung an der russischen Front befohlen. Ich setze also Spähtrupps ein. Die Patrouille des ersten Abends kommt ergebnislos zurück. Es stellt sich heraus, dass sie fünfzig Meter vor unseren Stellungen liegengeblieben und dann nach einiger Zeit zurückgekommen war. Zugegeben, dass das Gelände für unsere Spähtrupps ungünstig ist. Die Männer waten weite Strecken in knietiefem Wasser. Aber das hilft ja nun nichts. Wir wollen wissen, was drüben los ist. Und die Russen kommen ja auch durch das Wasser. Schließlich melden sich ein paar Freiwillige, darunter der Unteroffizier, der bei meinem ersten Informationsgang wegen seines unterbrochenen Schlafes so gemault hatte. Er hat sich inzwischen als waschechter Rabauke und furchtloser Draufgänger entpuppt. Kein Soldat, aber ein Landsknecht. Solche Männer sind oft unentbehrlich im Krieg, und ich war immer ganz froh, wenn ich solche Typen in der Kompanie hatte, allerdings mit Einschränkungen. So war auch dieser hier. Er war eigensinnig und unsoldatisch, aber furchtlos und deutsch!
Am folgenden Abend gehen nun zwei Mann los, ein Feldwebel und dieser Unteroffizier. Sie bleiben lange aus, so dass ich mir schon Sorgen mache. Nach etlichen Stunden kommen sie mit einer recht brauchbaren Skizze der feindlichen Stellungen zurück. Am nächsten Abend gehen sie noch einmal los, um ihre Beobachtungen zu vervollständigen. Danach ist die russische Front vor meinem Abschnitt etwa 600 bis 800 m entfernt und besteht aus einer massiven Baumsperre mit eingebauten MG-Nestern.
Einige Tage später bekomme ich vom Bataillon eine Luftaufnahme, die unter anderem die Richtigkeit dieser Beobachtungen beweist.
Heute revanchieren wir uns mit Gegenpropaganda. Das Bataillon hat ein russisches Mädchen angekündigt, das von meinem Abschnitt aus zu den russischen Stellungen hinübersprechen soll. Sie wird aber nicht zu mir kommen, sondern gleich von der vorgesehenen Stelle aus sprechen. Iwan hat sich alles ruhig angehört. Er hat nicht einmal geschossen. Ich habe das Mädchen leider nicht zu sehen bekommen. Es soll sehr hübsch sein.
Heute will ich einmal nach hinten zum Tross. Das Bataillon stellt mir ein Pferd zur Verfügung, das in einem Stall beim Truppenverbandplatz untergestellt ist. Während mein Pferd gesattelt wird, sitze ich noch mit unsrem Bataillonsarzt zusammen. Der Truppenverbandplatz ist nämlich dicht neben dem Bataillonsgefechtsstand in einem Bauernhof untergebracht. Ich mag diesen frischen fröhlichen Letten sehr gern, nur seine schlüpfrigen Witze gefallen mir nicht. Wenn er mit dem Bataillonsführer zusammen ist, wird es ganz schlimm. Er ist eben Mediziner!
Der Bursche meldet, dass das Pferd gesattelt ist. Ich verabschiede mich bis ••• S. 273 •••zum Abend, sitze auf und reite los. Unterwegs passiere ich das kleine Dorf Nīca, dessen Kirche zerstört ist. Ich erfahre, dass der Turm von Deutschen gesprengt worden war, weil man ihn bei einer zeitweiligen Frontzurücknahme den Russen nicht als Ari-B-Stelle in die Hände fallen lassen wollte. Der evangelische Geistliche hatte sich vorher erboten, den Turm mit seinen Dorfbewohnern abzutragen, damit er nicht gesprengt werden muss. Aber das deutsche Sprengkommando ließ sich nicht darauf ein, und eines Tages flog der Turm in die Luft. Vielleicht zwang Zeitmangel zu dieser Maßnahme, aber die Bevölkerung, die uns mit so großer Sympathie zur Seite steht, wurde wieder einmal schockiert. Der deutsche Elefant im Porzellanladen!
Ich bin beim Tross. Da ich vorher angekündigt war, ist alles auf Hochglanz poliert und in bester Ordnung. Der Rechnungsführer hat aus seiner Bekleidungskammer geradezu eine Textilwarenausstellung gemacht. Nur das Essen enttäuschte mich. Es gibt nämlich Fisch, Brathering. Vielleicht wollten sie mir damit etwas Besonderes bieten. Sie konnten nicht wissen, dass ich kein Freund von Fischgerichten bin. Aber ich lasse mir nichts anmerken. Doch nachmittags gibt’s Ärger. Ich schreibe gerade einen Brief an Carola, als ich sehe, wie der Spieß seinem Hund eine Schüssel mit Milch vorsetzt. Das ging mir doch zu weit. Meine Männer vorn müssen mit dem spärlichsten Essen auskommen, und hier hinten kriegt der Köter täglich Milch zu saufen! Dieser halbe Liter Milch täglich könnte eigentlich den Frontsoldaten mit der abendlichen Verpflegung gebracht werden. Der Spieß will die peinliche Situation mit einem Witz retten. Der Hund sei eine „eiserne Ration“. Er habe ihn deshalb „Gulasch“ genannt.
Zum Abendessen bin ich bei Oberzahlmeister Schneider eingeladen. Auch der Bataillonsführer ist dabei. Hier gibt es nun eines meiner Leibgerichte: Eierkuchen. Nach dem Essen mache ich mich auf den Rückweg, und zwar mit einer neuen Kopfbedeckung. Es ist eine weiche Schirmmütze, wie sie die Offiziere im 1. Weltkrieg und zum Teil heute noch tragen. Sie lag bei Schneider herrenlos herum, und er hatte keine Verwendung für Sie. Nun trage ich sie, obgleich sie mir etwas zu klein ist.
Auf dem Rückweg inspiziere ich noch eine Brückenwache, die meine Kompanie hier an der Straße stellen muss.[7]
Nun habe ich die Hauptstraße Libau–Memel erreicht und wende mich nach Süden. Die Sonne beginnt schon langsam zu sinken, aber die Luft ist weich und mild. Es ist ja Vorfrühling, und der Mai naht heran. Die hohen, alten Chausseebäume bedecken sich bereits mit zartem Grün. Links auf dem Acker schreitet ein pflügender Bauer. Das Pferd zieht die blanke Pflugschar, während der Landmann mit schweren Schritten der Furche folgt. Wenn sie vor dem sinkenden Glutball der Sonne stehen, sind sie nur als dunkle Silhouette sichtbar. Welch ein Bild des Friedens! Frieden? Irgend etwas würgt mir in der Kehle. Sind es die Erinnerungen an meine Jugendzeit auf dem Dorf meines Großvaters, die mit diesem Bild lebendig werden? Ist es das Gefühl dieses unglücklichen Krieges und unserer dunklen Zukunft hier oben? Ich weiß es nicht, aber plötzlich rinnen mir die Tränen über die Backen. Und da weit und breit kein Mensch zu sehen ist, lasse ich sie ruhig laufen. Meine Nerven sind auch schon kaputt.
Fast an derselben Stelle hier hatte ich heute früh auf meinem Hinweg zwei Männer des Bataillonsstabes getroffen. Einen von ihnen kannte ich, den Obergefreiten Bohndorf. Er ist Bataillonsschreiber. Ich war stehen geblieben und hatte mich eine Weile mit ihnen unterhalten. Dann setzten wir unsere Wege in entgegengesetzter Richtung fort.
Heute früh erwache ich von einigen sonderbar gedämpften Explosionen. Ich trete aus dem Unterstand heraus und blicke zum Himmel. Da sehe ich hoch in der Luft rosa Explosionswölkchen sich aufbauschen. Sie blähen sich auf, und dann fällt es wie Schneeflocken herab. Propaganda-Granaten mit Flugblättern!
Laut Befehl muss jedes Bataillon einen NSFO[1] namhaft machen. Bei uns sträuben sich alle mit Händen und Füßen. Niemand will den Posten übernehmen. Da muss der Bataillonsführer einen bestimmen. Wie immer in solchen Fällen nimmt man den jüngsten. Und da ich der jüngste Kompanieführer im Bataillon bin, werde ich dazu bestimmt. Ich kam zu diesem Posten wie die Jungfrau zum Kind.[8] In dieser neuen Eigenschaft wurde ich zu einer Besprechung bei der Division[9] kommandiert. Die Besprechung und das anschließende Essen waren nicht der Rede wert, aber der Tag als solcher mit dem Spaziergang am Ostseestrand war herrlich. Die Gebäude des Divisionsstabes liegen mitten in ••• S. 274: Seitennummer nicht benutzt! Es geht weiter mit S. 275 •••den Dünen unter den Kronen hoher Kiefern. Von hier aus steigen wir zum Strand hinunter und blicken über die See. Weit hinten in der Ferne erheben sich die schlanken Kirchtürme von Libau. Und weit im Westen, dort hinter der Kimm, wohnt Carola. —
Beide Seiten scheinen sich jetzt mächtig in den Propaganda-Feldzug zu stürzen. Oder ich merke es jetzt nur, weil ich NSFO geworden bin. Jedenfalls werden wir mit Propagandamaterial überschüttet. Stapel von Flugblättern liegen in meinem Bunker. Sie sind uns sehr willkommen, denn wir sind knapp an Toilettenpapier. Auch das Format ist gerade passend.
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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Epilog Anhang |
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Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente |
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1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31. Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Codenamen der Operationen im Sommer 1942 Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Originalmanuskript |
- ↑ 1,0 1,1 Nationalsozialistischer Führungsoffizier, die Nazi-Variante des Politkommissars
- ↑ KTB OKW 1944–1945 S. 1443 f., 1456, 1459 und 1590 f.
- ↑ Eine Leerstelle im Typoskript zeigt hier wie auch an anderen Textstellen, dass sich der Autor bei der Niederschrift des Tagebuchs vergeblich an den Namen oder die besondere Funktion dieses Gefreiten (z.B. Schreiber, Sanitäter, Melder) zu erinnern versucht hat.
- ↑ offenbar zitiert aus Haupt 1979 S. 70
- ↑ das Litauische Polizei-Bataillon F/13
- ↑ lt. Karte: [Abt] Hohmann mit Kan[onen]-Kp und Vers[orgungs]-Kp.
- ↑ vermutlich bei Lauciņciems oder bei Upmaļciems
- ↑ Der Autor war kein Parteimitglied und nicht einmal mehr Sympathisant der Nazis.
- ↑ Das Bataillon unterstand in diesem letzten Zeitraum der (Divisions-) Gruppe Oberst von Gise, die als Regiments- und Divisionsstab fungierte. Der Gefechtsstand war in Bernati.
