30. Juni 1941

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

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GEO INFO
Lemberg[1] Karte — map
Metropolit-Sheptytsky-Hospital Karte — map
Lonzki-Gefängnis Karte — map
friedliche Seitenstraße vermutlich hier: Karte — map
30.06.1941 im Hof des Lonzki-Gefängnisses[2] in Lemberg: Angehörige identifizieren von den Russen[3] Ermordete

••• S. 20: Haupttext fortgesetzt •••In Lemberg machen wir kurze Rast. Ich lasse mir schnell in einem Krankenhaus am Stadtrand[4] meine Blasen behandeln. Ein jüdischer Arzt schneidet sie mir bereitwillig auf, und eine Schwester verbindet mich. Bei unserem anschließenden Weg in die Stadt kommen wir zum Gefängnis. Hier herrscht eine ungeheure Aufregung. Kurz vor unserer Ankunft ist ein furchtbares Verbrechen aufgedeckt worden. Die deutsche Verwaltung hatte die Gefängniskeller, die verdächtigerweise zugemauert waren, öffnen lassen. Da zeigte sich ein grässlicher Anblick: Die Kellergewölbe sind bis unter die Decke mit Leichen gefüllt, schichtweise übereinander gelagert wie Heringe in der Tonne. Als wir ankamen, war man gerade dabei, die Leichen auf den Gefängnishof zu bringen, um sie identifizieren zu lassen. Die Entdeckung ••• S. 21 •••war wie ein Lauffeuer durch die Stadt gegangen, und zahlreiche Ukrainer waren herbei geeilt. Es waren Angehörige von Vermissten, die von der sowjetischen Besatzung verhaftet und seitdem nie wieder gesehen worden waren. Nun gehen sie im Gefängnishof an den langen Reihen der oft bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Leichen vorbei und suchen jammernd und weinend mit angstvollen, entsetzten Augen nach ihren Lieben (Foto). Da schreien Überlebende bei der Auffindung eines Angehörigen gellend auf, andere gebärden sich wie unsinnig vor Schmerz. Die deutsche Polizei sieht sich genötigt, den Zugang zum Hof zu sperren. So stehen nun weinende Frauen auf der Straße vor dem Eingangstor und bitten mit flehend erhobenen Händen um Einlass. Andere halten ihr Kopftuch vor das Gesicht und weinen herzzerbrechend. Zwischen ihnen stehen einige Luftwaffensoldaten.

Die Ermordeten waren offenbar größtenteils Ukrainer. Deshalb hat sich der ukrainischen Bevölkerung eine maßlose Wut gegen die Bolschewisten und – wie man sagt – jüdischen Helfershelfer bemächtigt. Da die Bolschewiken aber abgezogen sind, konzentriert sich die ganze Wut und Empörung auf die Juden. Der uralte Judenhass bricht erneut auf. Kleine und große Trupps von Ukrainern ziehen, mit Knüppeln bewaffnet, durch die Straßen der Stadt und schleppen alle Juden, die sie aufgreifen können, stoßend und prügelnd zum Gefängnis. Gerade kommt wieder eine Gruppe an, einen Juden vor sich her treibend. Vor dem Gefängnistor stockt der Zug. Da fasst ein baumlanger Ukrainer ein Brett, schwingt es ausholend mit beiden Händen über den Kopf und schmettert es dem Juden über den Schädel. Der Mann sackt in die Knie, steht aber gleich wieder aufrecht. Er ist blass, aber bewundernswert gefasst. Dann stoßen sie ihn durch das Tor. Es war wirklich bewundernswert, mit welcher Haltung die Juden diese Katastrophe über sich ergehen ließen. Nur ein etwa 17-jähriges Mädchen verlor die Fassung. Es warf sich einem deutschen Soldaten an die Brust, schlang die Arme um seinen Hals und schrie: „Helfen Sie mir, helfen Sie mir, ich bin unschuldig!“. Der Soldat stand zögernd, verlegen und wortlos; da hatten sie das Mädchen schon weggerissen.

In den Kellern arbeiten zahlreiche Juden, nur Juden, die die Verstümmelten auf den Hof tragen. Die Gewölbe sind schon halb leer, aber immer noch liegen die Schichten mannshoch. Die Leichen sind schon in Verwesung übergegangen, denn unter den Füßen der Juden, die auf den Schichten herumlaufen, quatscht es, als wenn man durch Morast geht. Die glühende Hitze und der Geruch machen den Aufenthalt dort unten zur Höllenqual. Die aufsichtsführenden deutschen Polizisten tragen Gasmasken.

Wir verlassen den Ort des Grauens, treten an und marschieren ab. Die Straße ist stark belebt. Die Menschen sind unruhig. Erregung, Schrecken, Wut und Verzweiflung liegen in der Luft wie explosive Spannung. Am Straßenrand steht ein Zivilist und klatscht bei unserem Anblick ostentativ in die Hände. Nach wenigen hundert Metern biegen wir nach links[5] in eine Seitenstraße ab. Schlagartig verändert sich das Bild. Links der Straße dehnt sich ein Park, auf der rechten Straßenseite steht eine Häuserreihe. Auf dem Balkon im ersten Stock eines Hauses sitzt ein älterer Herr im Liegestuhl und liest geruhsam seine Zeitung. Im zweiten Stock des nächsten Hauses stehen zwei blonde Backfische auf dem Balkon in blumigen Sommerkleidern und winken uns fröhlich zu. Welch ein Gegensatz! Noch ganz erfüllt von den grauenhaften Auswüchsen unmenschlicher Rohheit blicke ich nun auf dieses Bild des Friedens. Wenige hundert Meter weiter, nur um die Straßenecke herum, liegt das Grauen über der Stadt, rasen Hass und Tod. Und hier ist Ruhe, Beschaulichkeit und Frohsinn! Wie nahe beieinander wohnen doch Tod und Leben, Hass und Liebe, Aufruhr und Ruhe, Krieg und Frieden!


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  1. Lemberg wurde am 30.06. vom XXXXIX. (Geb.)A.K. eingenommen (LdW)
  2. vgl. mit dem ähnlichen Foto auf der Website des heutigen Museums (4 von 7)
  3. „Russland“ und „Russen“ war lange Zeit eine gängige pars-pro-toto-Bezeichnung aus der Zeit des (damals erst vor gut 20 Jahren untergegangenen) Zarenreiches für „Sowjetunion“ und „Sowjets“ (sowjetische Soldaten, Soldaten der Roten Armee) oder „Bürger der Sowjetunion“, die der Autor ebenfalls benutzt, wobei ihm als Geograph der Unterschied bewusst war.
  4. wahrscheinlich das Metropolit-Sheptytsky-Hospital, das nahe der Straße von Grodek ins Stadtzentrum liegt
  5. im Original „rechts“, passt nicht zur Situation