9. August 1941

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

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GEO & MIL INFO
Rastraum des I.R.477 09.–11.08. GolowaniewskAlexandrowkaSchipilowka[1] Karte — mapKarte — mapKarte — map
257. I.D. ab 09.08. als AOK-Reserve vorgesehen[2], spätestens ab 12.08. Korps-Reserve[3]

Im nächsten Dorf[4] beziehen wir für drei Tage Ruhequartier. Das ist auch nötig. Ich habe in den letzten vier Nächten kaum geschlafen, und vielen Kameraden ging es natürlich ebenso. Am Abend des ersten Ruhetages veranstalten die Unteroffiziere der Kompanie ein gemütliches Beisammensein. Im Laufe des Abends merke ich, dass ich todmüde bin. Bald wird mir klar, dass ich mich erkältet habe. Zu allem Überfluss kommt noch ein Durchfall hinzu, der mir die fünfte Nachtruhe raubt. Es war nämlich Kirschenzeit, und ich hatte mir ein Kochgeschirr voll Sauerkirschen gekocht. Da ich noch große Mengen von Beutezucker besaß, sparte ich nicht damit. Der Erfolg war dann auch durchschlagend.

Dieser Zucker stammte aus einer Zuckerfabrik, an der wir beim Vormarsch einmal vorbeikamen. Sie arbeitete nicht, denn wenige Tage vorher waren unsere Angriffstruppen über diese Gegend hinweg gerollt. Da haben wir uns dann eingedeckt und so viel Zuckersäcke auf die Fahrzeuge gepackt, wie nur hinaufgingen. Niemand wollte mehr Zucker haben. Auch die Bevölkerung hatte sich reichlich bedient. Beim Abmarsch musste ich meinen eigenen Zuckersack (ein Zentner!) im Quartier zurücklassen. Das hat mich besonders geärgert, denn das Weibsstück von Quartierswirtin war ein gehässiges Biest gewesen.

••• S. 35 •••Die Ruhetage wurden mit den üblichen und notwendigen Arbeiten ausgefüllt: Waffen- und Gerätereinigen, Sachen instandsetzen, Bestandsaufnahmen, Appelle, Verlustmeldungen, Unterführer- und Chefbesprechungen. Dabei gibt es wieder schwere Differenzen zwischen dem Alten und den beiden Kompanieoffizieren, die seine zuweilen blödsinnigen Anordnungen nicht hinnehmen. Ich, als Benjamin, halte mich da raus. Mich kann der Alte sowieso nicht leiden, vielleicht auch, weil ich Akademiker bin. So hat dieser Kommissstiefel von Chef genug Gründe für seine Abneigung gegen mich. Ich habe das oft genug zu spüren bekommen. Seine Leutnants kann er zwar auch nicht leiden, aber die sind Offiziere, denen er nichts anhaben kann.

Die Führerreserve wird wieder ausgewechselt, und der Alte schiebt mich dahin ab. Als ich in der Küche meine Marschverpflegung empfange und mich verabschiede, erzählt mir der Küchenunteroffizier von einem Hauptmann, der am Vortag hier war, um nach dem Grab seines in der Schlacht gefallenen Sohnes zu suchen. Er hatte es abends gefunden, sich an den Grabhügel gesetzt und dort die ganze Nacht zugebracht, bis unser Küchenunteroffizier ihn morgens zu einer Tasse Kaffee ins Quartier holte.

Wir fahren mit einem Lkw zur Division.[5] Die Divisions-Führerreserve ist vergrößert worden. Sie umfasst jetzt 50 Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften. Der Zweck dieser Abteilung ist klar: Man will angesichts der unvermeidlichen Ausfälle immer eine Reserve zur Verfügung haben. Dazu kommen jetzt neue Aufgaben, die sich aus den bisherigen Erfahrungen beim Vormarsch als notwendig oder zweckmäßig erwiesen haben. Dazu gehört die Einweisung und Weiterleitung der Marschblocks der Regimenter durch unübersichtliche Waldgebiete, an Wegegabelungen und bei Wegstrecken, die auf den Karten ungenau oder gar nicht eingezeichnet sind. Ebenso Verkehrsregelung an Brücken, Straßenkreuzungen und durch Ortschaften. Auf diese Weise soll der Vormarsch der Division vor zeitraubenden Stockungen bewahrt werden. Für diese Zwecke ist die Führerreserve in Gruppen zu zwei bis vier Mann eingeteilt, die sich in der Nähe des zu besetzenden Verkehrspunktes einquartieren oder zelten und dann die durchziehenden Kolonnen durchschleusen. Sind alle Marschgruppen vorbei, wird die Gruppe auf Fahrrädern oder Lkws schnell wieder an den Truppen vorbei nach vorn gebracht, wo ihre Aufgabe von neuem beginnt. Wir tragen rote Armbinden mit der Aufschrift „Stomarsch“ (Stabsoffizier für Marschüberwachung) und haben das Recht, zu unserer Weiterbeförderung jedes Fahrzeug und zu unserer Verpflegung jede Feldküche zu benutzen, falls unsere eigenen Fahrzeuge diese Aufgabe nicht rechtzeitig erfüllen können.

Heute schleusen wir eine Kolonne russischer Gefangener durch den Ort. Sie kommen über eine Brücke und folgen der Straße in den Ort hinein. Beiderseits der Straße liegen kleine Holzhäuschen mit Vorgärten. Aus einem dieser Häuschen tritt ein Mädchen mit einem Eimer Wasser und bietet den Gefangenen zu trinken an. Das gibt zwar etwas Unordnung, macht aber nichts. Nur einer ärgert mich. Der bummelt. Er geht am Schluss, aber müde ist der nicht, denn er hat sehr wache Augen. Auf meine Anrufe reagiert er gar nicht. Als ich aber mit drei Schritten bei ihm bin und ihn in den Achtersteven treten will, ist er weg wie der Blitz.

Kurze Zeit später nähert sich eine Nachschubkolonne, die frontwärts fährt. An ihrer Spitze reitet ein Offizier. Wir erkennen uns fast gleichzeitig. Es ist ein Leutnant, der in Jasło eine Zeit lang bei uns war und sich immer sehr um die Pferde gekümmert hat. Er ist im Zivilberuf Förster und versteht etwas von Tieren. Nach einer kurzen Unterhaltung folgt er seiner Kolonne, die längst vorübergezogen ist.

Nach den furchtbaren Vernichtungsschlägen, die die Rote Armee in drei gewaltigen Kesselschlachten[6] erlitten hat, ziehen sich die Reste der zertrümmerten sowjetischen Armeen im Eiltempo zurück. Im Südabschnitt bieten die endlos weiten, baumlosen Ebenen der Ukraine keine guten Verteidigungsmöglichkeiten mehr, oder es fehlt ihnen die Zeit zum Aufbau einer Verteidigungslinie. So ziehen sich die Roten bis hinter den Dnjepr zurück. Unsere Divisionen folgen in Eilmärschen. Was die deutsche Infanterie allein bei diesen Gewaltmärschen leistet, ist beispiellos.

Infanterie auf dem Vormarsch

••• S. 36: Bilder; S.37 •••Diese Märsche! Brütende Hitze lastet über dem Land.[7] Die Luft flimmert und gleißt. In langen Kolonnen marschiert die Infanterie – Männer und Fahrzeuge – über die endlosen Straßen und Wege, die sich in grenzenlose Weiten hineinschlängeln. Je nach dem Zustand der Wege laufen die Soldaten gruppenweise hinter ihren Fahrzeugen oder in Reihe rechts und links des Weges. Sie haben die Kragen aufgeknöpft und die Rockärmel aufgekrempelt. Manche haben sich Taschentücher um die Stirn gebunden. Ihre schweißnassen Haare kleben an der Stirn. Leichte Staubschleier, von den Marschierern aufgewirbelt, ziehen seitwärts über das Land. Überholende Mot-Kolonnen blasen immer neue Wolken von Staub auf, die wie gelbe Schleier dahinwehen, die Männer einhüllen, sich auf ihre Uniform legen und ihnen die ohnehin trockenen Kehlen verkleben. Wenn die Männer noch frisch sind, stoßen sie grässliche Flüche gegen die Kraftfahrer aus. Sonst aber lassen sie es stumm über sich ergehen.

Bei solchen Gelegenheiten wünscht man sich dann einen kleinen, reinigenden und erfrischenden Regen. Wenn es hier aber zu dieser Zeit regnet, sind es meist kurze, sommerliche Platzregen.

Vormarschstraße (links ein zerstörter Panzerwagen BA-10)

Die Vormarschstraßen, die wir benutzen, sind meist nur festgefahrene Feldwege. Die fette, fruchtbare Schwarzerde bildet bei Trockenheit eine harte, feste Decke, die dann unserem Asphalt ähnelt. In diesem Zustand sind die Wege dann unseren Asphaltstraßen beinahe vergleichbar. Aber ein Platzregen von 10 Minuten kann genügen, um diese Wege in zähen, tiefen Morast zu verwandeln, in dem die Fahrzeuge stecken bleiben und den Vormarsch der Division um ein bis zwei Stunden fast zum Stillstand bringen.

Da waren die Märsche im Anfang, im Frühjahr, im hügeligen Polen, ja reine Spaziergänge! Noch dazu in der Zeit, da unsere Zugpferde Fohlen hatten, die sich frei und ungebunden neben der marschierenden Kolonne tummelten. Von Zeit zu Zeit kamen sie in steifen, drolligen Sprüngen zu ihrem Muttertier zurück. Dann trippelten sie brav und artig neben der Stute her, die mit nickendem Kopf im Geschirr ging und unseren schweren HF1 zog. Lange hielten sie es aber nicht bei der Mutter aus, und sie sprangen wieder davon. Entzückende, kleine Wesen, diese jungen Fohlen! Unbekümmert, springlebendig und voller Lebensfreude.


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Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

  1. KTB 257. I.D. T-315 Roll 1803 Frame 000554/75/80/82
  2. KTB 257. I.D., NARA T-315 Roll 1803 Frame 000550/67
  3. KTB 257. I.D. Frame 000583
  4. in Golowaniewsk (KTB 257. I.D. T-315 Roll 1803 Frame 000554/75/80/82)
  5. Der Divisionsgefechtsstand befand sich 08. (od. früher? KTB 257. I.D., NARA T-315 Roll 1803 Frame 000554) –12. (Roll 1804 Frame 000289) in Marijampolj, 13.–15. in Lysaya Gora (Roll 1803 Frame 000583), ab 15. in Rownoje (Frame 000585).
  6. bei Białystok und Minsk (22.06.–09.07.), bei Smolensk (10.07.–05.08.) und bei Uman (15.07.–08.08.)
  7. 17.–21.08.1941 „40–50 °C, im Schatten 30 °C“ (KTB 257. I.D., NARA T-315 Roll 1804 Frame 000290)