6. August 1941

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

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GEO & MIL INFO
Podwissokoje Karte — map
Nahkampftag
06.08.1941: Kesselschlacht bei Uman, 2. Angriff, nachts Ausbruchsversuch

Am folgenden Morgen (6.8.41) kehren wir in einem Bogen zur Front zurück, aber in den Nachbarabschnitt. Hier hatten die Sowjets im Nachdrängen ein Dorf[1] und die umliegenden Höhen besetzen können. Wir müssen sie wieder zurückwerfen. Nach kurzer Umgruppierung und Bereitstellung treten wir erneut zum Angriff auf die Höhen an. Zur Unterstützung unseres Angriffs war heute nacht eine Batterie 10-cm-Feldhaubitzen in Stellung gegangen, die nun die Höhe unter Feuer nimmt. Und während oben zwischen den russischen Stellungen unsere Granaten explodieren (wir hätten uns ein größeres Feuerwerk gewünscht), gehen die Angriffskompanien auf breiter Front langsam vorwärts, überqueren einen Acker und tauchen in ein Kornfeld. Da springt etwa dreißig Meter vor mir ein Iwan hoch, schießt den ihm am nächsten stehenden deutschen Soldaten aus fünf Metern Entfernung nieder, wirft sein Gewehr weg und hebt die Hände. Uns packt eine rasende Wut. Am liebsten hätten wir dieses Vieh erschossen. Aber niemand wagte es, weil es völkerrechtswidrig gewesen wäre.[2] So wird er als Gefangener abgeführt. Der Deutsche ist tot.

Der Angriff geht weiter. In vierhundert Meter Breite und mehreren tief gestaffelten Wellen geht das Bataillon den Hang hinauf. Der linke Flügel durchquert gerade ein Kornfeld. Dort fahren mehrere 2-cm-Fla- (Flugabwehr-) Geschütze auf Selbstfahrlafette[3] den Angriff mit. Zwischen den aufgelockerten Gruppen der Infanteristen sehen sie aus wie dicke Käfer, die in einem Ameisenschwarm mitkriechen. Wir auf dem rechten Flügel stapfen über einen Rübenacker. Und während auf der Höhe immer noch die Granaten bersten und dunkle Erdmassen wie zackige Kronen in die Luft schleudern, laufen unsere Angriffswellen den flachen Hang hinauf. Von jetzt ab sind wir ohne Deckung. Der Hang ist nur noch mit Gras bewachsen. Ziu... ziu... sssst... fffft... zischen Infanteriegeschosse an uns vorüber. Aber das sowjetische Abwehrfeuer ist schwach. Nur wenn das Zischen zu drohend wird oder eine MG-Garbe vorüber faucht, werfen wir uns kurz zu Boden. Der Angriff rollt ab wie eine Übung auf dem Exerzierplatz.

Ich befinde mich zwischen zwei meiner sMG-Gruppen, die in überschlagendem Einsatz vorgehen. Während die eine mit kurzen Feuerstößen die feindlichen Stellungen bestreicht, macht die andere Bedienung ein paar Sprünge vorwärts, geht in Stellung und beginnt zu feuern. In diesem Augenblick springt die hintere an der feuernden vorbei und geht ihrerseits wieder in Stellung.

Die Batterie hat das Feuer eingestellt. Wir sind noch über hundert Meter von den feindlichen Stellungen entfernt, aber schon laufen die ersten Iwans zurück. Nur einer macht eine Ausnahme. Er kommt wie ein Sprinter den Abhang herunter gerast, denn er muss befürchten, dass seine Kameraden hinter ihm her schießen. Von Zeit zu Zeit hebt er im Laufen beide Arme. Atemlos, aber lachend erreicht er uns und geht nach hinten.

Fast mühelos erreichen wir die Höhe. Die Iwans haben die Flucht ergriffen. Einige tote Rotarmisten liegen herum. Einer ist ein Politkommissar. Wir suchen die Stellungen ab. Hin und wieder springt ein Landser, Warnrufe ausstoßend, zur Seite, als hätte er auf eine Schlange getreten. Sie haben dann Iwans entdeckt, die noch in ihren schultertiefen, kreisrunden Schützenlöchern stehen. Man weiß nie, ob sie sich in ihr Schicksal ergeben haben und die Gefangenschaft erwarten, oder ob sie noch aus dem Hinterhalt schießen. Manche wehren sich bis zum letzten Atemzug und werden in ihren Löchern getötet.

Wir besetzen die Höhe, die eigentlich nur eine hohe Bodenwelle ist, denn sie läuft auf der anderen Seite, feindwärts, wieder in eine flache Senke aus. Diese Senke ist ein einziges, riesiges, abgemähtes Kornfeld, dessen Hocken (anderswo heißen sie Garben) sich in endlos langen Reihen bis zu einem Waldrand hinziehen, der in etwa einem Kilometer Entfernung das Kornfeld wie eine dunkle Wand abschließt. In diese Wälder hat sich der Iwan zurückgezogen. Sie sind sein letzter Unterschlupf. Rechts unten am Fuß des Han••• S. 30 •••ges steht ein einzelnes Haus, das scheinbar verlassen ist. Unsere Stellung ist günstig. Man kann das weite Gelände bis hinten zum Waldrand gut übersehen.

Wir graben uns ein, denn die Höhe ist kahl und bietet sonst keine Deckung. In langer Linie stehen oder knien schaufelnde Soldaten. Es entstehen Schützenlöcher und provisorische MG-Stände. Einige Landser sind schon in die Senke hinunter gestiegen, um sich einige Getreidegarben heraufzuholen und ihre Löcher damit abzudecken und auszupolstern. Auch ich habe mit meinem Loch dasselbe getan. Aber zum Ausruhen ist noch keine Zeit.[4]

Während die Männer sich nach des Tages Last zur wohlverdienten Ruhe niederlegen, läuft der Zugführer noch herum und sieht nach dem Rechten. Sind die Männer vernünftig eingegraben? Sind die MG-Stände getarnt? Sind die MG-Stände so gewählt, dass sie nicht im Schussfeld eines anderen liegen? Sind Seiten- und Tiefenbegrenzung richtig eingestellt? (Das ist für die Nacht wichtig.) Haben die MGs Zielpunkte festgelegt? Ist genügend Munition vorhanden? Und noch manches andere. Haben die Männer irgendwelche Wünsche oder Vorschläge? Oft wird der Zugführer dann noch zu einer Besprechung gerufen. Man kann natürlich vieles den Halbzugführern überlassen, aber wer die Trägheit und Unvollkommenheit der menschlichen Natur kennt, weiß, dass Aufsicht nötig ist. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.[5] Denn wenn etwas schief geht, bleibt es doch am Zugführer hängen. Und so rennt der (gewissenhafte) Zugführer noch herum, wenn seine Männer schon schnarchen.

Als die Dunkelheit schon herein bricht, gibt es noch eine kleine Aufregung. Die in unserer Linie stehenden 2-cm-Selbstfahrlafetten fangen plötzlich an, mit Leuchtspur zu schießen. Auch unsere Granatwerfer bullern einige Schüsse in die Stille des sinkenden Tages. Die Landser fahren hoch, aber da kommt schon die Durchsage, dass sich beide nur für die Nacht einschießen. Beruhigt kriecht alles wieder in die Löcher.

Inzwischen sind die Trossfahrzeuge herangekommen und stehen einige hundert Meter hinter der Front im Sichtschutz des Hügels. Unsere Essenholer machen sich fertig. Ich hatte noch bei Tageslicht in aller Eile eine Postkarte an meine Eltern geschrieben und gebe sie jetzt dem Essenholer mit. Als sie zurückkommen, erzählen sie, dass der Alte wieder getobt hätte, weil ich die leeren Munitionskästen nicht zurückgeschickt hätte, damit die Trossfahrer die leeren Gurte wieder füllen konnten. Da haben wir’s! Weder die Munitionsschützen, noch der Gewehrführer, noch der Halbzugführer haben daran gedacht, aber am Zugführer bleibt es hängen!

Nun ist es völlig dunkel geworden. Der heiße Tag ist einer kühlen Nacht gewichen. Ich fröstele in meinem Loch. Die am Tage durchgeschwitzte Wäsche ist nun kalt und unangenehm. Lautlose Stille ringsum. Die mondlose Nacht ist so finster, dass man die Hand vor Augen nicht sieht. Ich versuche einzuschlafen. Die Gefahr beunruhigt mich nicht. Man ist schon daran gewöhnt und das Gefühl, dem Gegner überlegen zu sein, gibt Ruhe und Sicherheit. Wir haben zwar nur eine Linie, aber sie ist recht gut besetzt und bewaffnet. Was hinter uns noch steht, weiß ich nicht. Außerdem sitzt an der ganzen Front entlang neben jedem schlafenden Soldaten ein zweiter, der aufmerksam in das Niemandsland hinein horcht, wenn er gewissenhaft ist. Posten vor dem Feind. Nur selten steigt eine Leuchtkugel hoch, erhellt für kurze Zeit die Umgebung und erlischt wieder, lautlos, als wolle sie die Ruhe der Schlafenden nicht stören.

Da zerreißt plötzlich ein gellendes „Urräää – Urrräääh“[6] die Stille der Nacht, breitet sich über das ganze Feld vor uns aus und erfüllt die Luft mit grellem Getöse. Das müssen Tausende sein, die da angestürmt kommen! Abertausende, seit vielen Tagen Eingekesselte, mit dem Mut der Verzweiflung angreifende Menschenmassen! Und unsere Front besteht nur aus einer einzigen Linie von Schützenlöchern! Hinter uns sind nur noch die Granatwerfer!

Ich bin sofort hellwach und brülle automatisch: „Alarm!“. Es ist völlig überflüssig. Rechts und links wird es lebendig. Zu sehen ist nichts bei dieser Finsternis, aber ich höre Rufe und die metallischen Geräusche unserer Geräte. Die ersten Schüsse fallen. Dann rattert das MG neben mir los. Ein zweites folgt, und bald übertönt das rasende Hämmern unserer Maschinengewehre das Urrääh der Angreifer. Glühenden Perlenketten gleich jagen unsere Leuchtspurgarben in die Finsternis hinein. Jetzt greifen auch un••• S. 31 •••sere Granatwerfer ein. Blupp – blupp – blupblupp.. Ihre dumpfen Abschüsse mischen sich in das helle Knattern der MGs. Wenn man bloß mehr sehen könnte! Niemand nimmt sich die Zeit, Leuchtkugeln zu schießen. Alles feuert aufs Geratewohl in die Finsternis hinein. Jetzt macht es sich bezahlt, wenn Schussfelder und Zielpunkte schon bei Tage festgelegt wurden. Diese rasselnde, ratternde, knatternde, dröhnende, massierte Feuerkraft, die da Tod und Verderben speiend dem Feind entgegenrast, gibt ein ungemein beruhigendes Gefühl der Sicherheit, selbst wenn es trügerisch sein mag. Ich bin nicht besorgt, nur gespannt. Durch dieses Feuer kommt kein Mensch!

Der Gefechtslärm flaut ab. Einzelne MGs, deren Läufe heißgeschossen sind, nehmen Laufwechsel vor, andere geben nur noch vereinzelte Feuerstöße ab. Vom Iwan im Vorfeld ist nichts mehr zu hören. Es wird wieder ruhig, und bald legt sich von neuem die Stille der Nacht über das dunkle Land. Der sowjetische Ausbruchsversuch vor unserer Linie ist zusammengebrochen.[7]

Aber nicht überall.••• im Original weiter ohne Zeilenumbruch •••


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  1. wohl Podwissokoje
  2. Das Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen von 1929 verpflichtete in Artikel 82 die Signatarmächte, auch wenn der Gegner, wie die Sowjetunion, keine Signatarmacht war (vgl. „Sowjetunion und Genfer Konvention“).
  3. vermutlich Sd.Kfz. 10/4 mit 2-cm-Flak 30 der 1. Batterie/Fla-Bataillon 48, die dem LII. Armeekorps zugeteilt war
  4. Im Bericht über den Einsatz... S. 4 (KTB 257. I.D., NARA T-315 Roll 1803 Frame 000558) heißt es, „das Btl. [erreichte] im Angriff den Südrand des Dorfes Podwyssokoje und richtete sich dort für die Nacht zur Verteidigung ein.“
  5. Lenin zugeschriebener Ausspruch, vgl. Wikipedia
  6. übliche Wiedergabe des russischen Schlachtrufs im Zweiten Weltkrieg, entspricht unserem „Hurra“. Die moderne Form lautet „Ura“.
  7. Dieser Ausbruchsversuch wird in folgenden Quellen erwähnt:
    – Steets S. 105 f. unter Hervorhebung des „Urräh“; der Schwerpunkt des Angriffs lag beim linken Nachbarn, lt. Text I./98, lt. Karte III./98
    – Funkspruch des I.R.477 (KTB 257. I.D., NARA T-315 Roll 1803 Frame 000535) betont die „blutigen Verluste für den Gegner“